55 Jahre ist es bereits her, als die erste WEF-Konferenz (damals unter dem Namen «European Management Symposium») stattfand. Bis heute präsentiert sich das WEF als Lösung für globale Probleme, ohne dass die breite Bevölkerung mitentscheiden darf. Das WEF sagt: Vertraut uns, weil wir Ergebnisse liefern. Doch dieses Versprechen ist längst zerbrochen. Die Ungleichheit wächst, die Klimakrise verschärft sich, und Menschen verlieren ihre Lebensgrundlagen — obwohl das WEF seit Jahrzehnten an diesen Problemen arbeitet. Damit bleibt sichtbar, was das WEF immer war: eine kleine Elite, in der die mächtigsten Entscheidungsträger*innen aus Regierung, Finanzwirtschaft und Konzernsektor zusammenkommen, um informell die Grundlagen der globalen Wirtschaftspolitik zu prägen. 

Bedürfnis nach Krise

Der Neoliberalismus und das Globalisierungsmodell, das das WEF bewahrt hat, befinden sich nicht in einer Phase des Niedergangs oder der Selbstkorrektur. Im Gegenteil, die Mechanismen der Machtkonzentration durch Konzerne haben sich verfestigt und mutieren. Dies zeigt sich beispielweise darin, dass das WEF die Sprache der Nachhaltigkeit, der Gerechtigkeit oder sogar des Widerstands gegen Ungleichheit verwendet, während es die kapitalistischen Strukturen wahrt, die diese Ungleichheit erzeugen.

In der heutigen Zeit, in der die globale Ordnung unter enormem Druck steht —geopolitische Machblöcke zerfallen, Handelskriege eskalieren, Konflikte werden zu Kriegen — gewinnt Davos paradoxerweise wieder an strategischer Bedeutung. Das WEF positioniert sich explizit als Raum, in dem diese Zersplitterung «geleitet» werden kann. Die Agenda 2026 lautet «A Spirit of Dialogue» – passender wäre wohl «A Spirit of Destruction» – offenbart diesen Anspruch deutlich: Das WEF will eine neue Form globaler Führung etablieren, die über traditionelle staatliche Strukturen hinausgeht.

2026 Agenda

Das WEF 2026 strukturiert sein Programm um fünf zentrale globale Herausforderungen: Das WEF will mehr Zusammenarbeit in einer umkämpften Welt und meint damit die Sicherung von Lieferketten und Handelsbeziehung zwischen transnationalen Konzernen. Das WEF will neue Wachstumsquellen wie die KI erschliessen und meint damit nicht mehr Wohlstand für alle, sondern neue Märkte auf Kosten der Umwelt und Arbeitsbedingungen. Das WEF will in Menschen investieren, verlagert damit die Verantwortung über Ausbeutung auf Individuen und meint damit die Anpassung von Humankapital an neue ökonomische Bedürfnisse. Das WEF will Innovationen wie im Bereich KI verantwortungsvoll einsetzen und meint damit neue Wege im Bereich von Greenwashing zu finden. Das WEF will Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen aufbauen und ignoriert damit, dass die planetare Ausbeutung bereits Grenzen überschritten hat. Alle fünf Themen des WEF 2026 folgen einem gemeinsamen Muster: Sie erkennen reale Krisen, präsentieren aber Lösungen, die die Machtstrukturen, die diese Krisen verursacht haben, nicht antasten.

Es geht nicht (nur) ums WEF

Die Globalisierungskritik der 90er und 00er Jahre – so auch die Widerstände gegen das WEF – haben sich nie nur um einzelnes Treffen gedreht, sondern stets auch das kapitalistische System als solches in Frage gestellt. Das Treffen in Davos ist ein symbolischer Knoten, an dem die Widersprüche des Systems besonders dicht werden – aber es ist nur ein Knoten von vielen in einem Netzwerk der Herrschaft. Ein System in der Macht und Eigentum in den Händen weniger konzentriert ist, während die Mehrheit verarscht und ausgebeutet werden. Solange Menschen über Menschen herrschen, solange wenige über die Lebensgrundlagen aller entscheiden, solange wir alle für die Profite Anderer schuften, wird das WEF-System existieren — vielleicht unter anderem Namen, aber in derselben Form.​ 

Make capitalism and WEF history.

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