Vom 1. bis 3. Juni 2003 tagte der 29. G8-Gipfel im französischen Évian-les-Bains. Weil Évian zur «Roten Zone» erklärt wurde, verlagerten sich die Proteste nach Genf, Lausanne und ins französische Annemasse. Der Gipfel wurde zu einem der grössten Sicherheitseinsätze in der Schweiz. Ein kleiner und unvollständiger Blick in die Vergangenheit. Triggerwarnung explizite Beschreibung von Gewalt, Tod und Verletzungen.

Genua und der Irak-Krieg
Der Gipfel von Évian war der erste G8 in Europa nach den blutigen Protesten von Genua 2001. Damals gingen rund 300.000 Menschen auf die Strasse und die Tage gerieten zu einer beispiellosen Eskalation der Polizeigewalt. Der traurige Höhepunkt dieser Tage war die Ermordung von Carlo Guiliani, der von einem Carabiniere erschossen wurde. Geopolitisch fand das Treffen in Évian einer angespannten Lage statt. Nur wenige Wochen zuvor hatte der Irak-Krieg begonnen, der die G8 tief gespalten hatte. Frankreich, Deutschland und Russland hatten den US-geführten Einmarsch abgelehnt.

Die Vorbereitung

Rund um den Genfersee entstanden mehrere selbstverwaltete Protest-Dörfer, in denen Tausende Aktivist*innen unterkamen, diskutierten und Aktionen koordinierten. Ausserdem wurde ein Sonderzug organisiert, der von Berlin über zahlreiche Städte, nach Genf fuhr. Rund 1`000 Personen reisten via Sonderzug an. Im Vorfeld distanzierten sich Attac und mehrere NGOs ausdrücklich von militanten Aktionen und riefen zu friedlichem Protest auf.

Parallel liefen die Sicherheitsvorbereitungen auf Hochtouren. Weil die schweizer Wasserwerfer nicht ausreichten, stellte Deutschland 15 Wasserwerfer und diverse Einsatzhundertschaften aus Bayern zur Verfügung.

Erste Aktionen

Am 28. Mai und 29. Mai finden lokale Demonstrationen statt. Die Mehrheit bereit sich auf die kommenden Tage vor.  In Aunnemasse gehen rund 2`000 auf die Strasse. Am Donnerstag ziehen rund 10`000 Personen durch Lausanne und errichtete eine «Mauer der Schande». Am Freitag findet ein Umzug unter dem Motto «Free Movement and Free Information» statt. Rund 2`000 Personen ziehen in Genf vor diverse internationale Organisationen. Hierbei gehen vor dem IOM die ersten Fensterscheiben zu Bruch. SNCF-Bahnarbeiter*innen solidarisieren sich mit den Protesten und ermöglichen kostenlose Zugfahrten von Annemasse nach Genf für die Demonstrant*innen.

Der 31. Mai

Noch bevor der Gipfel offiziell begann, kam es zu den ersten Aktionen. In der Nacht von Samstag, dem 31. Mai, auf Sonntag zog eine Demo mit Hunderten durch die Genfer Innenstadt, insbesondere durch die Geschäftsstrassen der Rues-Basses. Sie zerschlugen ungeschützte Schaufenster, plünderten Geschäfte und legten Brände. Etwa ein Drittel der Geschäfte in der Innenstadt wurden beschädigt. Nach dem Gipfel gingen über 600 Gesuche für Entschädigungen bei den Regierungen ein. Zudem werden unter dem Motto «feu au lac» rund 50 Signalfeuer – darunter diverse brennende Barrikaden – rund um den Genfersee errichtet.

Erster Gipfeltag

Am ersten offizielle Gipfeltag versuchten Aktivist*innen mit Blockaden bei Kreuzungen in Lausanne, Brücken in Genf und den Hauptzufahrten von Annemasse Richtung Évian die Zufahrtswege zum Gipfel zu sperren: In Annemasse blockierten rund 2.000 Menschen stundenlang die Strasse und wurden von französischen Gendarmen mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern zurückgedrängt. Insgesamt soll sich der Start des Gipfels durch die Blockaden um zwei Stunden verzögert haben.

Aubonne und die Autobahnbrücke

Am frühen Morgen blockierte eine Gruppe die Autobahnbrücke über die Aubonne auf der A1 zwischen Genf und Lausanne. An den beiden Enden hängten sich zwei erfahrene Kletter*innen ein. Ein dickes, mit orangefarbenen und silbernen Bändern markiertes Kletterseil wurde quer über alle Fahrspuren gespannt und um die Leitplanken geschlungen. Als sich der Verkehr staute, trafen die ersten Beamten ein. Einige hoben das Seil zunächst an, um Autos durchzulassen. Dann zog ein 25-jähriger Schaffhauser Polizist sein Messer und durchtrennte das Seil.

Gesine Wenzel wurde im letzten Moment heraufgezogen. Martin Shaw stürzte rund 20 bis 25 Meter tief in das steinige Flussbett und erlitt schwerste Verletzungen: zwei gebrochene Wirbel, ein gebrochenes Becken sowie einen zertrümmerten linken Knöchel und Fuss. Er verbrachte einen Monat im Krankenhaus von Lausanne und litt danach unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Grossdemo

Der zahlenmässige Höhepunkt des Protests war die grenzüberschreitende Grossdemonstration. Unter dem Motto „G8 illégitime“ zogen zwei Demonstrationszüge aufeinander zu. Einer startete am Genfer Jardin Anglais, der andere im französischen Annemasse. Am Grenzübergang vereinigten sich schätzungsweise 120.000 Menschen. Nach der ganzen Polizeigewalt ist die Stimmung spürbar angespannt. Auch Bewohner*innen der Stadt haben längst die Nase voll vom polizeilichen Aufmarsch. Am Abend kommt es in Genf erneut zu vielen kleineren Auseinandersetzungen und Plünderungen in der Stadt.

Der zweite Gipfeltag

Nach einem ereignisreichen Vortag konzentriert sich der Protest auf dezentrale Aktionen und Solidaritätsaktionen. Rund 500 Personen gehen in Genf für die Freilassung der Festgenommen auf die Strasse. Bei der Mont-Blanc Brücke kommt es zu einer Sitzblockade. Die Brücke wird für fast sieben Stunden blockiert. Am Abend wieder kleinere Auseinandersetzungen in Genf. Daneben folgten in diesen Tagen unzählige kleinere Spontandemonstrationen, kreative Aktionen und Gegenveranstaltungen.

Der dritte Gipfeltag

Jegliche Demonstration im ganzen Kantonsgebiet sollten verboten werden. Selbst kleinere Umzüge werden sofort von der Polizei angegriffen, aufgelöst oder eingekesselt. Mit dem Ende des Gipfels am 3. Juni reisten viele Teilnehmenden ab. Auf dem Rückweg kam es in einzelnen Städten zu weiteren Polizeieinsätzen. In Bern erwartete die Polizei die Rückreisenden am Bahnhof und passte die Züge ab. Als sich eine grössere Gruppe Richtung Schanzenstrasse aufmachte, verfolgte die Polizei diese und nahm 36 Personen fest.

Solidarität und Antirepression

Mit einem Grossaufgebot verhindert die Polizei in Bern am Donnerstagabend eine Anti-Repressions-Demo gegen Polizeigewalt. Rund 150 Personen werden bei der Heiliggeistkirche eingekesselt. Überregional kommt es zu Solidaritätsaktionen: In Barcelona und Manchester werden die schweizer Botschaft besetzt. In Oslo, Luxemburg und London gibt es Solidaritätsdemonstrationen. Ausserdem gibt es Abseilaktionen in Berlin und Barcelona. Bei letzterem hängen sich zwei Aktivist*innen für über 80 Stunden von der schweizer Botschaft. In Frankfurt wird auf dem Rückweg mit dem Sonderzug der Bahnhof spontan besetzt.

Polizeigewalt

Über die gesamten Gipfeltage kam es zu zahlreichen Fällen von Polizeigewalt. Der britische Pressefotograf Guy Smallman wurde in Genf von einer Schockgranate der Polizei am linken Bein schwer verletzt. Die Granate riss ihm ein Loch von der Grösse eines Tennisballs in die Wade. Er musste zwei Stunden lang operiert werden und verbrachte fast drei Wochen im Krankenhaus. Auch weitere Journalist*innen wurden durch die Polizei verletzt.

In Genf stürmten 20 bis 30 teils vermummte und in Zivil auftretende Beamte das Kulturzentrum „L’Usine“ und nahmen gewaltsam Personen fest. Dort waren das Indymedia-Zentrum und ein Radio- und TV-Studio untergebracht gewesen. Auch die Protestcamps wurden durchsucht. In Lausanne wurden rund 400 Personen festgenommen, überwiegend bei Identitätskontrollen im Camp La Bourdonnette. Hierbei sollen die französischen Beamten Tränengas aus Helikoptern auf das Camp geworfen haben.

Die Justiz nach dem Gipfel

Im Fall der Aubonne-Brücke scheiterten alle Rechtsmittel der Betroffenen und die 2 Polizisten wurden nicht verurteilt. Für die Protestbewegung blieb der Vorfall das Symbol dafür, dass schwere Polizeigewalt ohne strafrechtliche Folgen blieb. Anders verlief der Fall Guy Smallman. Der Fotograf führte einen langjährigen Rechtsstreit gegen den Kanton Genf. Am 20. November 2009 entschied das Schweizer Bundgericht, dass der Granatwurf rechtswidrig war. weil diese zu hochgeworfen worden war. Eine Sonderermittlungsgruppe fahndete über ein Jahr nach Personen und lies rund 200 Personen vorladen. Am Ende kam es aber kaum zu Verurteilungen.

Die Frage der Militanz

Schon vor Évian war die Frage der Militanz ein Spannungsfeld innerhalb der verschiedenen Bewegungen. Der Tod von Carlo war noch frisch. NGOs wollten auf friedlichen Massenprotest setzen. So distanzierten sich vor, während und nach dem Gipfel Teile der Bewegung von militanten Aktionen. Teilweise hartnäckig hielt sich die Ansicht, dass militante Aktionen während den Gipfelprotesten von sogenannten «Agent Provocateur» durchgeführt worden sein. Der Konflikt um die Frage von Militanz hielt sich bis zum Ende der Antiglobalisierungsbewegung. Für eine kurze Zeit wirkte Évian als Wiederbelebung der Bewegung. 2005 beteiligten sich gegen in Gleneagles bis zu 250`000 Personen an den Protesten. Erreichte aber spätestens nach der Mobilisierung in Heiligendamm 2007 mehr oder weniger ihr Ende.

Und 2026?

Über zwanzig Jahre später kehrt der Gipfel an den Genfersee zurück. Aus den G8 ist nun die G7 geworden. Statt 15 Wasserwerfer, werden dieses Mal vermutlich nur 6 aus Deutschland angekarrt. Auch ein Sonderzug wird es dieses Mal nicht geben. Und dennoch fürchtet sich der Staat vor dem was kommt. Nach einem langen hin und her bewilligte die Stadt nur eine Demonstration. Der Protest wird nach langem hin und her auf eine Demonstration beschränkt. Den Geschäften geht das Holz zum Verbarrikadieren aus. Auch wenn sich vieles verändert hat seit den Protesten 2003, unsere Überzeugung bleibt die gleiche: Eine andere Welt ist möglich. Carlo Vive! Wir sehen uns am 14. Juni in Genf.

Weitere Infos: https://nog7ge.noblogs.org/

Videos von 2003

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