Jüdische Perspektiven auf wachsenden Antisemitismus in Europa

Folgender Text wurde uns zur Veröffentlichung zugeschickt. Er beinhaltet verschiedene jüdische Perspektiven auf die aktuelle Situation und wachsenden Antisemitismus in Europa. Slides für Instagram weiter unten:

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Was ich meinen Freund*innen in Europa sagen möchte:
Das ist kein Beitrag über den «Krieg». Dafür gibt es viele andere Informationsquellen mit unterschiedlichen Hintergründen und Ansichten, die fähiger, informativer und versierter sind als ich.
Wie jede Person mit etwas Menschlichkeit, ist mein Herz gebrochen.
Was ich jedoch mit euch teilen möchte, ist Folgendes:
Natürlich habe ich, wie jede jüdische Person in Europa, im Laufe meines Lebens mit Antisemitismus zu tun gehabt. Nichts, womit ich nicht zurechtkam, nichts Ungewöhnliches. Eine Demütigung hier, eine Diskriminierung dort, eine Bombendrohung, das Übliche. Aber ich hatte nie wirklich Angst. Bis letzte Woche.

Es ist das erste Mal, dass ich tatsächlich Angst habe, als Jüdin mit meinen jüdischen Kindern in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein.
Es ist das erste Mal, dass ich meine Kinder, die Hebräisch sprechen, bat, in öffentlichen Verkehrsmitteln leise zu sein, weil ich Angst um ihre Sicherheit hatte.
Es ist das erste Mal, dass ich mir überlege zum Gebet zu gehen, weil ich Angst vor Anschlägen auf Synagogen habe (wie es kürzlich in Berlin geschehen ist).
Es ist das erste Mal, dass ich mich entscheide, meine Kinder nicht auf einen bestimmten Spielplatz mitzunehmen, da er in der Nähe eines Treffpunktes für Demonstrationen liegt.

Meine Freund*innen in London haben ihre Kinder aus Angst vor Anschlägen auf jüdische Einrichtungen nicht zur Schule geschickt.
Meine Freund*innen in Berlin haben Angst, ihre Häuser zu verlassen.
Meine Freund*innen in Frankreich brauchen zusätzlichen Schutz (zusätzlich zu dem Schutz, den sie ohnehin an jedem beliebigen Tag brauchen).
Meine Freund*innen in der Schweiz haben Angst, mit ihrer Kippa (jüdische Kopfbedeckung) herumzulaufen.

Deinen jüdischen Freund*innen in Europa geht es nicht gut.
Deine jüdischen Freund*innen in Europa sind verängstigt.
Deine jüdischen Freund*innen in Europa sind nicht sicher.
Falls du es nicht wusstest – jetzt weisst du es.
Vielen Dank fürs Lesen.

Englisch
What I would like my friends in Europe to know:
This is not a post about the ongoing «war». For that, there are plenty of other sources of information, from all backgrounds and points of view, who are far more skilled, informed and versed than me.
Obviously, like every person with some humanity, my heart is broken.
What I do want to share with you, however, is this:
Of course, like every jewish person in Europe, I have dealt with my share of antisemitism throughout my life. Nothing I couldn‘t handle, nothing out of the ordinary. Some humiliation here, some discrimination there, a bomb threat, the usual. I was never really scared though. Until last week.

This is the first time I am actually scared to be in public, as a jewish person, with my jewish kids.
This is the first time I had to ask my kids, who speak Hebrew, to be quiet on public transportation, because I was scared for their safety.
This is the first time I reconsider attending prayers, because I am scared of attacks on Synagogues (like they happened in Berlin few days ago).
This is the first time I opt not to take my kids to a specific playground, because it is near an area for political demonstrations.

My friends in London haven‘t sent their kids to school out of fear of attacks on jewish institutions.
My friends in Berlin are scared to leave their houses.
My friends in France need extra protection (in addition to the protection they need anyhow, on any given day).
My friends in Switzerland are scared to walk around with their Kippa (skullcap).

Your jewish friends in Europe are not ok.
Your jewish friends in Europe are scared.
Your jewish friends in Europe are not safe.
In case you didn‘t know – now you know.
Thanks for reading.